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So sicher, wie es geht

Das Thema Sicherheit begleitet den alpinen Skisport seit jeher: Wer sich mit hoher Geschwindigkeit auf steilem, rutschigem Gelände fortbewegt, ist am Limit unterwegs. Seit fast 60 Jahren gibt es deshalb festgeschriebene Regeln, die ständig weiterentwickelt werden. Gutes Material bringt mehr Sicherheit – aber auch neue Heraus-forderungen. Ein Überblick über 4.500 Jahre Skigeschichte.

Die ganz großen Heldengeschichten im Sport folgen einem klassischen biblischen Motiv: Niemand kommt an die Auferstandenen heran. Hermann Maiers 40 Meter weiter Abflug mit Mehrfachsalto im Sturzraum bei der Olympia-Abfahrt von Nagano 1998 und der Doppelweltmeistertitel in Super-G und Riesenslalom wenige Tage später ist als mythischer Moment im modernen Skisport unerreicht.

Aber auch in verwandten Sportarten gibt es solche Momente: Der Skispringer Thomas Morgenstern stürzt 2014 beim Skifliegen am Kulm und bleibt bewusstlos im Zielraum liegen – einen Monat später gewinnt er seine letzte Olympiamedaille, bevor er nach der Saison mit Hinweis auf die schweren Stürze seine Karriere beendet. Die großen Radsportler der Gegenwart sind fast alle schon knapp am Tod vorbeigeschrammt – Jonas Vingegaard in einer Abfahrt der Baskenland-Rundfahrt, Remco Evenepoel im Training bei Brüssel bei einer Kollision mit einem Postauto, Fabio Jakobsen mit einem Sturz im Sprint bei der Polen-Rundfahrt, der ihn ins Koma versetzt. Sie sind alle zurückgekommen. Die gemeinsame Herausforderung bei all diesen Sportarten: Wie schützt man fast ungeschützte Athleten bei hoher Geschwindigkeit vor schweren Stürzen – und wie schützt man die Sportler auch voreinander? Dieses Thema begleitet Hochgeschwindigkeitssportarten, seit es sie gibt, und den alpinen Skisport damit seit mehreren tausend Jahren.

Blick zurück

Der Ski an sich ist 4.500 Jahre alt: So lange ist es her, dass Holzlatten in Norwegen als Fortbewegungsmittel erfunden wurden, um schneller durch die Schneelandschaften zu kommen – allerdings ging es dabei um die Fortbewegung im Flachen und um eine Erleichterung beim Jagen. Organisierte Skiläufe bergab, von denen wir heute gesichert wissen, gibt es erstmals im 17. Jahrhundert mit dem Krainer Bauernskilauf im heutigen Slowenien in der Gegend des heutigen Weltcup-Orts Kranjska Gora.

Maler und Skifahr-Pionier: Der Niederösterreicher Mathias Zdarsky ist für kürzere Latten, die erste moderne Bindung und eine eigene Fahrtechnik verantwortlich. 

„Von 0 auf 110 in acht Sekunden: Vom leisen Starthaus bis zur steilen Mausefalle in Kitz-bühel bleibt keine Zeit zum Überlegen.“

Kurz nach 1850 finden in der norwegischen Region Telemarken, westlich von Oslo, erste Militärübungen mit Skiern statt. Die erste dokumentierte Sicherheitsmaßnahme des Skisports taucht hier auf: Zur besseren und sichereren Fortbewegung wird die Skibindung erfunden – allerdings nur vorne. Die ersten dokumentierten Bergab-Skirennen mit Eventcharakter für Publikum zur Unterhaltung finden kurz darauf just in der späteren Hippie-Kommune Christiania in Oslo statt.

Ein niederösterreichischer Maler als Skipionier

Den Transfer des Skisports als Breitensport von Skandinavien nach Mitteleuropa bringt dann das Buch „In Nacht und Eis“, in dem der norwegische Polarforscher Fridtjof Nansen von seinen Expeditionen berichtet. Es ist ein Österreicher, der die Schuhe dann erstmals auch hinten am Ski befestigt und damit zu einer massiven Beschleunigung und Popularisierung des alpinen Skilaufs beiträgt: Der niederösterreichische Maler Mathias Zdarsky kürzt die fast unfahrbaren, drei Meter langen Latten außerdem auf unter zwei Meter.

Dann geht es rasant: In nur 20 Jahren wird der Skisport ein alpines Aushängeschild. Um 1910 ersetzt der Gründer der ersten Skischule am Arlberg den bis dahin üblichen einen langen Stock durch zwei kurze Skistöcke. Diese Innovation macht das Skifahren schneller – und gleichzeitig auch deutlich gefährlicher. 1922 kommt der Skisport in Österreich als Winterübung in den Lehrplan, ab 1924 müssen alle Lehrer eine Ausbildung machen, um es auch unterrichten zu können. 1931 finden im Berner Oberland in der Schweiz die ersten Weltmeisterschaften statt. 30 Männer und 20 Frauen stürzen sich den Berg hinunter – und schon 1935 wird das Skifahren olympisch. 1936 baut die US-Eisenbahngesellschaft Pacific Railroad in Sun Valley in Idaho den weltweit ersten Sessellift.

Schneller und gefährlicher

Der Boom des touristischen Skisports ist nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr aufzuhalten: Am Arlberg erfindet Stefan Kruckenhauser das „Wedeln“ und vom dortigen Hospiz St. Christoph aus wird der Skisport weiter auf die Beine gestellt. 1947 eröffnet in Tschagguns im Vorarlberger Montafon Österreichs erster Sessellift. Rund um die Skilifte entstehen Unterkünfte und Gaststätten und der zunehmende Verkehr auf den Pisten macht auch verbindliche Verhaltensregeln nötig: Der Internationale Skiverband beschließt 1967 die bis heute mit wenigen Modifikationen gültigen FIS-Regeln, die Zehn Gebote des alpinen Skisports. Die braucht es, weil jetzt so viele Menschen auf den Pisten sind, dass Zusammenstöße statt Einzelunfälle die größte Gefahr darstellen. Die FIS-Regeln sind bis heute auch als Grundlage für Zivilrechtsverfahren um Skiunfälle in Anwendung.

Bis ins 20. Jahrhundert war es üblich, mit nur einem Skistock über Pisten zu fahren.

Dominieren bis dahin starke Hoch-Tief-Bewegungen und starke Rotation die Skitechnik, macht die technologische Innovation das Skifahren ab den 1980er-Jahren einfacher für alle, die weniger Kraft und Kondition mitbringen. Das führt zu noch einmal höheren Zahlen an skifahrenden Menschen – aber trotzdem wird der Sport sicherer. Die Wiedererfindung der Carving-Skis – Vorläufer gab es schon zu Beginn des alpinen Skisports – schlägt sich in den Unfallstatistiken positiv nieder. Als immer breiter taillierte Carver ab den 1990er-Jahren zum Spaßelement für Skifahrerinnen und Skifahrer werden, werden die Kurvenradien enger und schneller, aber dennoch sinken die Unfallzahlen: Vor allem die besser kontrollierbaren, kürzeren Latten unter den Füßen sollen dafür verantwortlich sein. Dafür werden die Verletzungen laut Medizinern in den Skigebieten schwerer, weil die Geschwindigkeiten zunehmen.

Der Skisport rüstet auf

Bei der verbesserten Sicherheitslage im Skisport spielt auch das Material eine wichtige Rolle: Immer mehr Länder führen eine Skihelmpflicht ein. Sieben von neun österreichischen Bundesländern haben heute eine Helmpflicht auf den Pisten für Kinder unter 15, Tirol und Vorarlberg sind hier die Ausnahmen. Dort wird damit argumentiert, dass ohnehin über 95 Prozent mit Helm unterwegs sind. Italien hat in der Wintersaison 2025/26 erstmals eine generelle Helmpflicht für alle Skifahrerinnen und Skifahrer eingeführt. Eine Risikoreduktion bringen außerdem besser präparierte Pisten, trotzdem ist vor allem das Bewusstsein für die eigenen Grenzen gefragt, sagt das Kuratorium für Alpine Sicherheit. Wer glaubt, wie Hermann Maier oder Marcel Hirscher unterwegs sein zu können, erhöht das eigene Risiko signifikant.

Sicherheit für Profis

Apropos Hirscher: Im professionellen Skisport spielt die Sicherheit der Pisten eine zentrale Rolle bei der Planung von Veranstaltungen. Mit der Einführung der Helmpflicht auch im Slalom in der Saison 2006/07 wurde materialseitig eine wichtige Sicherheitslücke geschlossen. 2024 wurde eine Airbagpflicht in den Speed-Disziplinen beschlossen, die allerdings von Ausnahmegenehmigungen durchlöchert war – diesen Winter wurde nachgeschärft und die Airbagpflicht gilt jetzt wirklich für alle. Die in den beiden letzten Alpinsaisonen umstrittenen Carboneinlagen wurden in der laufenden Saison bei Profirennen wieder verboten. Sie stehen im Verdacht, durch das Umschließen des gesamten Unterschenkels zwar eine noch stabilere Linie zu erlauben, die Fahrerinnen und Fahrer aber auch leichter aus der Strecke zu torpedieren. Neu ist außerdem die ausnahmslose Verpflichtung zum Tragen schnittfester Unterwäsche.

An den grundlegenden Fragen um die Sicherheit auf der Piste hat sich in Tausenden Jahren Skigeschichte und in hundert Jahren alpinem Skisport also wenig geändert: Es gibt bei Sportarten, die, wie das Skifahren oder der Radsport, von hohen Geschwindigkeiten und relativ ungeschützten Sportlerinnen und Sportlern geprägt sind, keine absolute Sicherheit. Zum Spitzensport gehören die Heldengeschichten von Unfällen und sportlichen Auferstehungen dazu – sie bleiben im Gedächtnis und machen aus den Sportlerinnen und Sportlern Helden. Gemessen an den Massen, die heute Skisport betreiben, sind die Unfallzahlen übrigens gering. Auf 1,2 von 100.000 Fahrten passiert laut US-amerikanischen Untersuchungen ein Unfall, der eine ärztliche Behandlung notwendig macht. Das Motto vom Skiurlauber bis zum Profi lautet: Mit qualitativ hochwertiger Ausrüstung ist man immer noch am besten geschützt.

„Jeder Skifahrer muss sich stets so verhalten, dass er keinen anderen gefährdet oder schädigt.“

Regel Nummer eins aus den international gültigen Zehn Geboten auf der Piste, den FIS-Regeln

Der Heldenstatus der heutigen Weltstars der Pisten hat auch mit dem permanenten Grenzgang und ihrer enormen Verwundbarkeit zu tun.

Fotos: shutterstock.com, WWP, Museum Lilienfeld, Museum Lilienfeld/Kuss