Zum Hauptinhalt springen

Lebensretter Helm

Vor 15 Jahren stand Hans Gruggers Welt still: Der österreichische Abfahrer stürzte in der Mausefalle so schwer, dass er zwölf Tage künstlich beatmet werden musste und vier Wochen auf der Intensivstation blieb. Heute ist der 44-Jährige Mittelschullehrer und hat mit seinem Horror-unfall Frieden geschlossen. Grugger trug bei seinem Sturz bereits freiwillig einen besonders sicheren Helm, der nach der auf seinen Unfall folgenden Diskussion für alle Speed-Disziplinen Pflicht wurde.

Bei Hans Grugger hatte man nie das Gefühl, dass er wegen der Show und dem sprichwörtlichen Skizirkus Ski fährt. Dabei hat der bodenständige Gasteinertaler trotz einer von Verletzungen geprägten Karriere vier Weltcup-Siege errungen und gehörte bis zu seinem lebensverändernden Sturz in Kitzbühel sieben Jahre lang zur absoluten Weltspitze. Als er im Kitzbühel-Training 2011 nach wenigen Fahrsekunden in der Mausefalle, einem Hochgeschwindigkeitssprung von 40 Metern und mehr, die Kontrolle verlor und mit dem Kopf auf der pickelharten Piste aufschlug, wurde es still im Zielstadion.

Der geschockte Co-Kommentator Armin Assinger versuchte, der Dramatik der Bilder des Regungslosen seine lange Verletzungshistorie entgegenzusetzen. Aber Grugger war in Lebensgefahr, der Hubschrauber unterwegs, eine Notoperation folgte und es dauerte zwölf Tage, bis der Sportler wieder selbstständig atmen, und weitere drei Wochen, bis er die Intensivstation in Innsbruck verlassen konnte. Es passt zum äußerst beliebten ÖSV-Star, dass er nie mit dem Schicksal gehadert hat: Es gebe einen einzigen Schuldigen am Sturz – und zwar ihn selber.

Kein Weg zurück

Zu seinem Comebackversuch noch im selben Kalenderjahr sagt Grugger: „Der Sport ist eine eigene kleine Welt und in der will man auch nach Rückschlägen bleiben. Man hat schon als Kind davon geträumt, Sportler zu sein, und dafür ist man bereit, viele Opfer zu bringen.“ Schließlich hat Grugger in der Rehabilitation in Hochzirl über dem Inntal zwar fast alles wieder gelernt, was unmittelbar nach dem Aufwachen aus dem künstlichen Tiefschlaf nicht mehr ging. Aber sein rechter Fuß war nicht mehr in dem 100-prozentigen Ausmaß kontrollierbar, wie das für den Spitzensport notwendig ist. Grugger schildert das so: Sein rechter Fuß ist um Zehntelsekunden langsamer als davor, das reiche für Spitzensport nicht mehr. Aber alles andere hat der vierfache Weltcup-Sieger wieder gelernt: Anfänglich konnte er sich maximal zehn Minuten pro Tag konzentrieren – nach dem endgültigen Karriereende ist Grugger dann aber auf die Universität gegangen und Lehrer geworden. Er unterrichtet heute Geografie und Sport an einer Mittelschule.

„Ohne meine Familie wäre der Weg zurück ins Leben so nicht möglich gewesen.“

Hans Grugger, ehemaliger Profi-Skiläufer

Möglich gemacht hat das Eine, die das Verletzungsschicksal selber gut kennt: Gruggers Lebensgefährtin Ingrid Rumpfhuber. Sie hat ihre eigene, von schweren Verletzungen durchzogene Skikarriere mit 27 Jahren beendet. „Ohne meine Familie wäre der Weg zurück ins Leben so nicht möglich gewesen“, sagt Grugger heute.

Der Helm hilft immer

Wie der Sturz ausgegangen wäre, wenn Grugger 2011 nicht einen besseren Helm getragen hätte, als es das Reglement vorschreibt, steht in den Sternen. Klar ist, dass Skihelme komplizierte Hochleistungsprodukte sind. Wie ein Helm funktioniert, erklärt Max Thurner, der beim Ausstatter Head für die Weiterentwicklung der Produkte verantwortlich ist: „Das Grundprinzip von jedem Helm ist, dass äußere Erschütterungen, wie bei einem Sturz, durch kontrolliertes Kollabieren der Helmstruktur aufgenommen werden und der Kopf selbst dadurch so gut wie möglich vor dem Aufprall geschützt wird.“

Die Skifahrer von heute sind in der Regel Muskelpakete, die durch perfekte Ausrüstung und perfekte körperliche Verfassung bestmöglich vor gravierenden Verletzungen geschützt sind. Nachdem die Kurvenradien immer engerwerden und gleichzeitig das Tempo immer höher, braucht es auch jedes Gramm Muskel. Gleichzeitig steigt durch immer spektakulärere Geschwindigkeiten und weitere Sprünge auch das Unfallrisiko.

„Der sicherste Helm ist der, den man gerne und immer trägt.“

Max Thurner, Head

Verletzungshistorie

Unter anderem Kreuzbandriss 1998, sturzbedingte Schnittwunde im Nacken 2000, vorläufiges Saisonende wegen Hüftluxation 2005, Kreuzbandriss mit zweiter OP wegen bakterieller Infektion im Knie 2007, Kreuzbandriss 2009, Schädel-Hirn-Trauma, Lungenquetschung, Rippenbrüche 2011.

Hans Grugger 

steht mit 3 Jahren erstmals auf den Skiern,

mit 15 Jahren erstmals im Salzburger Landeskader.

Er startet zunächst als Riesentorläufer und wird mit 20 Jahren Vizeweltmeister der Junioren.

2003 folgt der Durchbruch im Europacup mit einem Doppelsieg in Piancavallo/Plancjaval in Abfahrt und Super-G.

2004 bis 2007 feiert er vier Weltcup-Siege in Bormio und Chamonix (Abfahrten) und in Kvitfjell und Gröden (Super-G).

1. Adapterplatten zur Montage des Kinnbügels
2. Kinnbügel werkzeugfrei montier- und verstellbar
3. Helm Lining mit Metallschnalle

Seit Gruggers Sturz hat sich einiges in der Verbreitung von Helmen getan: Der Helm gehört, auch wenn die Helmpflicht in den meisten österreichischen Bundesländern nur für Kinder gilt, zur Standardausrüstung. Das hat mehrere Gründe – einer davon ist laut Thurner ein anderer berühmter Verunfallter: Der Ministerpräsident von Thüringen, Dieter Althaus, prallte am Neujahrstag 2009 in der Steiermark auf der Piste mit einer slowakischen Skifahrerin zusammen. Er überlebte schwer verletzt, die Frau verstarb an den Folgen der Verletzung. Althaus hatte im Gegensatz zur verstorbenen Slowakin einen Helm getragen. Danach bemerkten die Herstellerfirmen einen deutlichen Anstieg der Helmkäufe. Laut Thurner spielt dabei die Weiterentwicklung eine zentrale Rolle. „Wir bauen leichtere und sicherere Helme – und wir entwickeln diese Technologien ständig weiter.“

Dabei setzen Hersteller wie Head auch auf ungewöhnliche Entwicklungsschritte: Zur Simulation von Stangenschlägen auf Rennhelme hat seine Firma zum Beispiel eine eigene Maschine entwickelt. „Wir simulieren unsere Helme mit dem Computer und testen parallel mit Impact-Tests, mit Windkanalversuchen und mit Funktionstests.“ Für Käufer von Helmen hat der Experte drei wichtige Tipps: Der Helm müsse die perfekte Passform haben, ohne Druckstellen, aber auch ohne Spiel. Auch bei Belüftung und Anpassung mit Skibrillen darf man kein Spiel lassen: Das muss passen. Und man soll einen Helm nehmen, der gut sitzt und einem gefällt: „Der sicherste Helm ist der, den man gerne und immer trägt.“

Bei Kitzbühel immer noch dabei

Wenn sich im Jänner die Skiwelt wieder auf das Hahnenkamm-Wochenende in Kitzbühel einschwingt, dann ist Hans Grugger auch dabei. „Als Erstes denke ich dabei aber an die Flugretter, die mir damals das Leben gerettet haben. Die rufe ich nach wie vor jedes Jahr um das Kitzbühel-Wochenende an.“ Seine Ansicht auf die Rennen selbst habe sich verändert, sagt der 44-Jährige: „Ich genieße die Rennen als Zuseher nach wie vor. Nur wer gewinnt, ist mir nicht so wichtig. Wichtig ist, dass alle gut unten ankommen. Wenn es Stürze gibt, kann es sein, dass ich ausschalten muss.“

Selbst kann der ehemalige Weltklasse-Abfahrer das Skifahren nicht sein lassen. „Aber nicht mehr als Rennläufer. Ich genieße vielmehr die Schönheit der Natur und bin dankbar, dass ich das ohne Schmerzen machen kann. Ich genieße jeden Tag.“ Für junge Athleten hat Hans Grugger drei wichtige Tipps parat: „Erstens: Wenn jemand den Skisport so sehr liebt, wie ich das getan habe, dann sollte man es versuchen. Zweitens: Nur gesund an den Start gehen. Das ist das Wichtigste. Und drittens: Auf das eigene Gefühl hören und sich nicht von Eltern oder Trainern in irgendetwas hinein-drängen lassen.“

Herausfordernd: Die Streif beginnt nach acht Fahrsekunden mit dem ersten Sprung in der Mausefalle, der bis zu 80 Meter weit geht, und endet mit dem Zielsprung, der die schnellsten Läufer 50 Meter weit trägt. Und dazwischen warten mit der Hausbergkante und der oft eingesprungenen Steilhang-Einfahrt weitere schwere Gustostückerln.

Fotos: Head, Shutterstock.com, Erlend Hole Dokken, Privat